8. März ist politisch. Bildung ist es auch.
Der Internationale Feministische Kampftag ist kein Symboltag. Er ist ein politischer Auftrag. Und dieser Auftrag richtet sich unmittelbar an pädagogische Institutionen und politischen Entscheidungsträger*innen in Berlin.
Während weltweit feministische Bewegungen für Selbstbestimmung kämpfen, verschärfen sich auch in Deutschland einen Rechtsruck. Antifeminismus, Queerfeindlichkeit und rassistische Narrative finden ihren Weg in Klassenzimmer, Elternchats und Kita-Teams. „Wenn Geschlechtergerechtigkeit als „Ideologie“ diffamiert wird, betrifft das nicht nur politische Debatten, sondern den Alltag von Kindern und Jugendlichen direkt“, so Senami Zodehougan, psychologisch-pädagogische Koordination bei i-PÄD.
Frühkindliche Bildung ist demokratische Praxis
Kitas sind die ersten Orte institutioneller Bildung. Hier werden Geschlechterrollen gelernt, Körpernormen vermittelt, Zugehörigkeit oder Ausschluss erfahren. Wenn Fachkräfte nicht diskriminierungskritisch ausgebildet sind, reproduzieren Einrichtungen ungewollt stereotype Erwartungen: Wer darf laut sein? Wer gilt als „schwierig“? Wessen Familie wird als „anders“ markiert?
Bildung braucht hier klare verbindliche fachliche Qualitätsstandards, verpflichtende Fortbildungen und strukturelle Verankerung von Geschlechtergerechtigkeit und Antidiskriminierung in der frühkindlichen Bildung.
Die zuständigen Senatsverwaltungen in Berlin müssen sicherstellen, dass diskriminierungskritische Kompetenz fester Bestandteil der Ausbildung von Lehrkräften, Erzieher*innen und sozialpädagogischen Fachkräften ist – nicht optional, sondern verpflichtend.
Schulen gestalten gesellschaftliche Wirklichkeit
Schulen sind keine neutralen Räume. Sie tragen Mitverantwortung darüber, ob junge Menschen lernen, Machtverhältnisse zu erkennen oder sie zu normalisieren. Sexistische Sprache auf dem Schulhof, queerfeindliche Beleidigungen, rassifizierende Zuschreibungen im Unterricht sind keine Einzelfälle. All das ist keine Randerscheinung, sondern Ausdruck gesellschaftlicher Strukturen.
Bildung braucht hier eine klare politische Rückendeckung. Der Berliner Senat muss intersektionale Bildungsperspektiven verbindlich im Schulgesetz, in Rahmenlehrplänen und in der Lehrkräftebildung absichern. Demokratiebildung darf nicht von engagierten Einzelpersonen abhängen, sondern muss institutionell garantiert sein. Schulen brauchen Ressourcen für Präventionsarbeit, Schutzkonzepte gegen sexualisierte Gewalt und queerfeindliche Übergriffe sowie transparente Verfahren im Umgang mit Diskriminierung.
Kürzungen untergraben Schutz und Prävention
Gleichzeitig werden in Berlin Mittel für Gewaltschutz, Frauenhäuser, queere Bildungsarbeit und Projekte der sexuellen Bildung gekürzt. Migrantische Selbstorganisationen und Partizipationsprogramme stehen unter Druck. Diese Kürzungen senden ein fatales Signal an Bildungseinrichtungen: Prävention und Schutz sind offenbar verhandelbar. Das sind sie nicht. Die Verwaltungen müssen alle Kürzungen zurücknehmen und diskriminierungskritische Bildungs- und Aufklärungsarbeit langfristig absichern. Nachhaltige Strukturen sind Voraussetzung für wirksamen Schutz.
Strukturelle Verankerung statt Symbolpolitik
Bildung braucht Empowerment von MINTA* in Kitas und Schulen. Bildung braucht kritische Jungen- und Männlichkeitsarbeit. Bildung braucht Schutzräume und Ansprechpersonen für Kinder und Jugendliche, die von Diskriminierung betroffen sind. Und Bildung braucht die klare Botschaft: Vielfalt ist keine Zusatzoption, sondern demokratischer Kernauftrag.
Feministische Kämpfe sind immer auch Kämpfe gegen Rassismus, Antisemitismus, Klassismus und Ableismus. Gerade in einer vielfältigen und zugleich sozial ungleichen Stadt wie Berlin muss Bildung diese Zusammenhänge sichtbar machen und reflektieren.
„Diskriminierungskritik ist kein beiläufiger Nebeneffekt pädagogischer Arbeit. Sie ist ein professioneller und institutioneller Auftrag, der politisch abgesichert werden muss“, so Tuğba Tanyılmaz, Projektleitung bei i-PÄD.
Der 8. März sollte bundesweiter Feiertag sein. Nicht als Symbol, sondern als bildungspolitisches Signal: Demokratiebildung beginnt nicht erst im Politikunterricht. Sie beginnt in der Kita, im Morgenkreis und im Klassenzimmer.